Harninkontinenz

Was ist eine Harninkontinenz?

Als Harninkontinenz wird jeder unfreiwillige oder unerwünschte Urinverlust bezeichnet. Passiert dies regelmäßig, gilt sie als Erkrankung. Das Risiko, eine Harninkontinenz zu entwickeln, nimmt mit dem Alter zu, aber auch jüngere Menschen können betroffen sein. Frauen haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, diese Störung zu entwickeln, als Männer.

Harninkontinenz kommt häufig vor und bringt die Betroffenen in Not und Verlegenheit. Viele Menschen lassen sich nicht behandeln, weil sie sich nicht trauen, mir ihrem Arzt über die Inkontinenz zu sprechen.

Wenn eine Inkontinenz häufig auftritt oder Ihre Lebensqualität beeinträchtigt, ist es wichtig, medizinischen Rat zu suchen. In den meisten Fällen kann eine Inkontinenz mit verschiedenen Verfahren behandelt oder geheilt werden. Dazu gehören Beckenbodentraining, Medikamente oder chirurgische Eingriffe. Mit Ihrem Arzt können Sie besprechen, welche Therapie die beste für Sie ist.

Ursachen der Harninkontinenz

Zu den häufigsten Ursachen der Harninkontinenz gehören:

  • Hormonmangel
  • Schwache Beckenbodenmuskeln
  • Nervenfunktionsstörungen im unteren Harntrakt
  • Harnwegsinfektionen
  • Gutartige Prostatavergrößerung (BPE)

Häufige Risikofaktoren:

  • Operationen im Beckenbereich
  • Prostata-Operationen
  • Geburt
  • Menopause

Harninkontinenz kommt mit zunehmendem Alter häufiger vor. Dennoch sollte sie nicht als normale Alterserscheinung betrachtet werden.

Abb. 1a: Der untere Harntrakt des Mannes.
Abb. 1a: Der untere Harntrakt des Mannes.
Abb. 1b: Der untere Harntrakt der Frau.
Abb. 1b: Der untere Harntrakt der Frau.

Beurteilung und Diagnose

Die Harninkontinenz ist ein Problem, das korrekt diagnostiziert werden muss, damit Sie die passende Behandlung erhalten. Es mag unangenehm sein, darüber mit einem Urologen zu reden, aber es ist wichtig, dass Sie es tun. Der Urologe kann helfen, Ihre Symptome zu lindern oder die Erkrankung sogar heilen. Dafür muss Ihr Arzt herausfinden, welche Art von Inkontinenz Sie haben und wo die Ursache liegt. Das wird helfen, die beste Behandlung zu finden.

In diesem Kapitel sind die verschiedenen Untersuchungen aufgeführt, die Ihr Arzt benötigen könnte, um Ihre Situation zu erfassen. Es handelt sich um allgemeine Informationen über die Diagnose und Beurteilung der Harninkontinenz. Bitte beachten Sie, dass die Voraussetzungen in unterschiedlichen Ländern variieren können.

Krankengeschichte

Ihr Arzt wird Ihre Krankengeschichte (Anamnese) erfragen, um zu verstehen, welche Art von Harninkontinenz Sie haben. Dazu gehören Fragen zu jeglichen anderen Erkrankungen, an denen Sie leiden könnten, und zu Medikamenten, die Sie einnehmen. Diese können mit Ihrer Inkontinenz zusammenhängen oder Einfluss auf Ihre Symptome haben.

Ihr Arzt kann Sie fragen,

  • ob Sie irgendwelche Arzneimittel einnehmen
  • ob Sie rauchen
  • wann und wieviel Sie trinken
  • ob Sie viel Kaffee oder Alkohol trinken
  • ob Sie jemals operiert wurden
  • nach Ihren Stuhlgewohnheiten
  • ob Sie jemals schwanger waren
  • ob Sie in den Wechseljahren sind

Ihr Arzt wird Sie auch fragen, welchen Einfluss die Inkontinenz auf Ihren Alltag hat. Dazu gehört zum Beispiel,

  • wie oft Sie zur Toilette gehen
  • wie oft Sie Urinverlust haben
  • ob Sie Urin verlieren, wenn Sie lachen, husten oder niesen
  • ob Sie nachts aufwachen, um wasserzulassen
  • ob Sie sich beeilen müssen die Toilette rechtzeitig zu erreichen, wenn Sie Drang zum Wasserlassen verspüren
  • ob sich Ihre Blase nach dem Wasserlassen nicht geleert anfühlt

Der Arzt kann Sie auch nach Ihrem Sexualleben und Ihren Behandlungswünschen fragen.

Körperliche Untersuchung

Der Arzt kann eine körperliche Untersuchung Ihres Bauchs durchführen, um eine vergrößerte Harnblase zu erkennen. Er kann Sie auch bitten, mit gefüllter Blase zu husten. Das zeigt ihm, ob Sie an einer Stressinkontinenz (SUI) leiden.

Der Arzt wird auch prüfen, wie gut Ihre Beckenbodenmuskulatur funktioniert. Bei Männern wird dazu eine Tastuntersuchung des Enddarms und der Prostata durchgeführt (Abb. 2), bei Frauen eine gynäkologische Untersuchung.

Abb. 2: Rektale Tastuntersuchung, um Größe, Form und Beschaffenheit der Prostata zu erfühlen.
Abb. 2: Rektale Tastuntersuchung, um Größe, Form und Beschaffenheit der Prostata zu erfühlen.

Behandlung

Es gibt viele verschiedene Wege, mit einer Harninkontinenz umzugehen. Suchen Sie Hilfe, wenn Ihre Symptome Sie stören: Fragen Sie Ihren Hausarzt, einen Allgemeinmediziner oder einen Urologen. Es mag unangenehm sein, mit einem Arzt über dieses Thema zu sprechen, aber es ist der effektivste Weg, mit Ihren Sorgen fertig zu werden.

Es gibt keine einzelne Lösung gegen Harninkontinenz, die für jeden funktioniert. Selbsthilfemaßnahmen können Ihren Zustand deutlich verbessern und zu einer höheren Lebensqualität führen. Zu diesen Maßnahmen gehören Veränderungen des Lebensstils, Blasentraining und Übungen zur Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur. Andere Behandlungsmöglichkeiten wie Operationen oder Medikamente sollten in Betracht gezogen werden, wenn die Selbsthilfemaßnahmen nicht ausreichend funktionieren.

Besprechen Sie mit Ihrem Arzt, Berater oder Ihrer Fachpflegekraft, welche Maßnahmen Ihnen helfen können, Ihre Situation in den Griff zu bekommen. Es ist üblich, verschiedene Möglichkeiten auszuprobieren, um die für Sie am besten funktionierende herauszufinden.

Chirurgische Behandlung für Frauen mit Stressinkontinenz

Manchmal reichen Selbsthilfemaßnahmen oder die vom Arzt verschriebenen Medikamente nicht aus, um Ihre Harninkontinenz zu bessern. Wenn Sie an einer Stressinkontinenz (SUI) leiden, kann Ihr Arzt eine chirurgische Behandlung empfehlen.

Gebräuchliche chirurgische Verfahren zur Behandlung einer SUI:

  • Schlingenimplantation
  • Burch-Kolposuspension
  • Umspritzung der Harnröhre mit Füllstoffen
  • Ballonkompression der Harnröhre
  • Künstlicher Schließmuskel (AUS)

Ziel aller Operationen ist die Heilung Ihrer Harninkontinenz. Das Vorgehen ist unterschiedlich. Gemeinsam mit Ihrem Arzt können Sie entscheiden, welcher Behandlungsanlass für Sie der beste ist. Das ist abhängig von:

  • Ihrem Alter
  • der Schwere Ihrer Harninkontinenz
  • wie belastend Ihre Symptome sind
  • Ihrem allgemeinen Gesundheitszustand

Dieses Kapitel enthält allgemeine Informationen und die Situation kann in verschiedenen Ländern unterschiedlich sein.

Chirurgische Behandlung für Männer mit Stressinkontinenz

Wenn Sie an einer Stressinkontinenz (SUI) leiden, kann Ihr Arzt eine chirurgische Behandlung empfehlen, um Ihre Harninkontinenz zu bessern oder zu heilen.

Gebräuchliche chirurgische Verfahren zur Behandlung einer SUI:

  • Schlingenimplantation
  • Ballonkompression der Harnröhre
  • Künstlicher Schließmuskel (AUS)
  • Umspritzung der Harnröhre mit Füllstoffen

Ziel aller Eingriffe ist, Ihre Kontinenz wiederherzustellen. Das Vorgehen ist unterschiedlich. Gemeinsam mit Ihrem Arzt können Sie entscheiden, welcher Behandlungsanlass für Sie der beste ist. Das ist abhängig von:

  • Ihrem Alter
  • der Schwere Ihrer Harninkontinenz
  • wie belastend Ihre Symptome sind
  • Ihrem allgemeinen Gesundheitszustand

Dieses Kapitel enthält allgemeine Informationen und die Situation kann in verschiedenen Ländern unterschiedlich sein.

Stressinkontinenz nach Prostataoperation

Prostataoperationen erhöhen das Risiko einer Stressinkontinenz (SUI), da die Prostata die Harnröhre umfasst und ihr hilft, dem Druck einer vollen Harnblase standzuhalten. Wird Ihre Prostata zum Teil oder komplett entfernt, beeinflusst das den Druck, dem der Blasenschließmuskel widerstehen kann.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten eine Stressinkontinenz nach Prostataoperation zu behandeln. Die gebräuchlichsten Verfahren sind:

Reservetherapie der Dranginkontinenz

Manchmal reichen Selbsthilfemaßnahmen oder die vom Arzt verschriebenen Medikamente nicht aus, um Ihre Dranginkontinenz (UUI) zu lindern. In diesen Fällen stehen andere Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Zusammen mit Ihrem Arzt können Sie entscheiden, welcher Ansatz für Sie der beste ist.

Gebräuchliche Reservetherapien für Dranginkontinenz sind:

  • Injektion von Botulinumtoxin in die Harnblase
  • Nervenstimulation, auch als Neuromodulation bezeichnet
  • Chirurgie zur Vergrößerung des Blasenvolumens

Mit Harninkontinenz leben

Eine Harninkontinenz kann ein peinliches und isolierendes Problem sein, das Ihre körperliche und geistige Gesundheit belastet. Auch wenn sie nicht lebensbedrohend ist, hat sie doch für gewöhnlich einen negativen Einfluss auf Ihre Lebensqualität. Eine Harninkontinenz kann Ihr gesellschaftliches Leben, Ihre Arbeit und Ihr Sexualleben beeinträchtigen. Sie verursacht körperliche und emotionale Beschwerden und kann zu einer verminderten Selbstachtung führen.

Harninkontinenz kann ein Gefühl der Schwäche hervorrufen. Unfreiwilliger Urinverlust in der Öffentlichkeit kann unangenehm und peinlich sein. Angst, das Haus zu verlassen, und ein Gefühl der Isolation können Sie und Ihre Angehörigen daran hindern, ein erfülltes Leben zu leben.

Es gibt viele Ursachen von Harninkontinenz. Einige sind heilbar, andere lassen sich kontrollieren. Die gesellschaftliche Tabuisierung der Harninkontinenz kann es erschweren, selbst mit Ihren engsten Freunden darüber zu reden. Professionelle Hilfe zu suchen kann helfen, Ihre Aufmerksamkeit von dieser Situation zu lösen und besser mit Ihrem Problem zurechtzukommen

Stand der Informationen: November 2014.

Diese Seite enthält allgemeine Informationen über die Diagnostik und Beurteilung dieses Krankheitsbildes und die verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten. Wenn Sie spezielle Fragen zu Ihrer eigenen medizinischen Situation haben, sollten Sie Ihren Arzt oder andere professionelle Gesundheitsdienstleister ansprechen. Keine Broschüre kann ein persönliches Gespräch mit Ihrem Arzt ersetzen.

Diese Informationen wurde von der Europäischen Gesellschaft für Urologie (EAU) in Zusammenarbeit mit der EAU-Sektion für weibliche und funktionelle Urologie (ESFFU) und der Europäischen Gesellschaft für Urologiepflege (EAUN) erstellt.

Die Inhalte stimmen mit den Leitlinien der EAU überein.

Mitwirkende Autoren:

  • Prof. Dr. Frank van der Aa – Leuven, Belgien
  • Dr. Jean-Nicolas Cornu – Paris, Frankreich
  • Sharon Holroyd – Leeds, Großbrittanien
  • Prof. Dr. José Enrique Robles – Navarra, Spanien
  • Eva Wallace – Dublin, Irland